Wir brauchen Ziele, kein Mitleid – Gastbeitrag von Simone Hyun

Simone Hyun ist Pflegedirektorin am Helios Universitätsklinikum Wuppertal und damit oberste Pflegekraft des Hauses. Sie hat einen Master-Abschluss in Pflegemanagement und zuvor eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin abgeschlossen. Ihr Ziel ist es, die Pflege insgesamt attraktiver zu machen. Mit mehreren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wird sie daher am Aktivcamp Pflege am 15. Juni 2018 teilnehmen.

Aus der Perspektive einer Pflegedirektorin sehe ich in dem Aktivcamp die Möglichkeit, wie wir als Pflegekräfte die Themen, Herausforderungen und Bedürfnisse, die uns bewegen, aktiv benennen und gestalten können. Ich halte das für wichtig, denn oftmals  ist die Wahl unserer beruflichen Themen fremdbestimmt. Dies möchte ich gerne tiefergehend darlegen.

Über Pflege wird diskutiert – doch nicht aus Sicht der Pflege.

Die Pflege gewinnt in der öffentlichen Wahrnehmung aktuell wieder an Bedeutung. Der schon so oft beschriebene Pflegenotstand und die damit einhergehenden Arbeitsbedingungen schaffen es auf die Titelseiten der großen Tages- und Wochenzeitungen. Auch in diversen Talkshows wird hierüber debattiert. Diese öffentliche Debatte ist wichtig. Leider empfinde ich, dass die Medien und die Politik den Pflegenotstand jetzt für ihre Interessen ausschlachten. So ist es populär für Politiker, Gewerkschaften, Medien, ja sogar Institutionen über den Pflegenotstand zu sprechen und damit die Aufmerksamkeit ihrer Wählerinnen und Wähler, Leserinnen und Leser auf einfache Art zu gewinnen. Ich vermisse in den Diskussionen den Tiefgang, die konkreten Maßnahmen und eine nachhaltige Strategie, um diese wichtigen Themen anzugehen. Vor allem fehlt mir jedoch die Beteiligung der Pflege an dieser Diskussion!

Unser Ziel darf nicht das öffentliche Mitleid sein.

Ich kann mit dieser Polemik nichts anfangen und helfen tut sie uns auch nicht. Wir müssen unsere Herausforderungen eigenständig meistern und ich bin überzeugt, dass wir daran als Berufsstand wachsen werden. Unser Ziel darf nicht das öffentliche Mitleid sein. So gewinnen wir bestimmt keine neuen Pflegekräfte.

Wir benötigen eine differenziertere Betrachtung, wenn wir über Themen wir Pflegenotstand und die Arbeitsbedingungen in der Pflege sprechen wollen. Der Pflegenotstand verdeckt oft, woran es wirklich hapert in der Pflege im Krankenhaus. Ein reines Mehr an Personal wird die Situation der Pflege im Krankenhaus nicht zwangsläufig verbessern. Schlecht abgestimmte Prozesse über alle Berufsgruppen hinweg, fehlende Benutzerorientierung bei Digitalisierungsprozessen, fehlende Einsatzplanung der Pflegeabsolventen  – all das muss differenziert angegangen werden. Die Opferrolle spiegelt nicht wieder, was wir wirklich brauchen, wofür wir stehen und wohin wir wollen.

Benennen wir doch unsere Bedürfnisse und die der Pflege.

In meinen täglichen Herausforderungen im klinischen Umfeld bin ich Grenzgängerin zwischen Strategieentwicklung, Innovationen, Unternehmenszielen, Alltagsgeschäft und Ausbildung. Im Kontakt mit meinen Pflegekräften erlebe ich täglich, wie vielfältig die Pflege ist und wie unterschiedlich die Bedürfnisse sind. Mich beschäftigt, was gute Pflege für meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bedeutet. Mit diesem Gedanken habe ich einen Aufruf in meiner Klinik gestartet und alle Pflegekräfte gebeten folgenden Satz zu vervollständigen: „Für mich ist Pflege, … „. Ich warte gespannt auf die Antworten und ich verlose 5 Plätze im Aktivcamp für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Mein Ziel ist, dass engagierte Pflegekräfte lernen ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen, Herausforderungen anzupacken und Lösungen umzusetzen. Eine meiner wichtigsten Aufgaben als Pflegedirektorin sehe ich vor allem darin, talentierte Pflegekräfte zu befähigen für die Bedürfnisse der Pflege aufzustehen und einzustehen.

Für mich ist Pflege…

Für mich ist die Pflege ein unglaublich vielseitiger und interessanter Beruf. Denn kaum eine andere Tätigkeit bietet so viel Spielraum, sich in Fort- und Weiterbildungen zu entwickeln und auf bestimmte Gebiete zu spezialisieren. Dazu hat vor allem die Professionalisierung der Pflege in den letzten Jahren beigetragen: Ob bestimmte Zertifizierungen oder sogar ein Studium – für uns stehen viele Türen offen. Darüber hinaus war mir der soziale Aspekt in der Pflege immer schon sehr wichtig. Denn ich wollte unbedingt einen Beruf ausüben, in dem ich Menschen aktiv und sichtbar helfen und dabei ein hohes Maß an Verantwortung übernehmen kann.

Heute, als Pflegedirektorin, sehe ich noch einmal aus einer anderen Perspektive, wie wesentlich unsere Berufsgruppe für ein Krankenhaus ist. Wir sind gleichermaßen professionelle Pflegefachkräfte, Organisatoren des Krankenhausbetriebs und oftmals erste Ansprechpartner für die Sorgen und Nöten unserer Patienten. Das ist ein großer Beitrag zur Genesung und Behandlung der uns anvertrauten Menschen. All das macht mich stolz, eine Pflegekraft zu sein.

Für alle, die sich ebenfalls engagieren wollen: Beim Aktivcamp Pflege am 15. Juni 2018 in Berlin sind noch Plätze frei!